Workshop „Boundaries and boundary concepts as/in datafication”

20. Februar 2026 / SOWI V

19.-20. Februar, Amsterdam, organisiert von Dr. Yana Boeva (SoWi V), Louis Ravn (University of Amsterdam) und Prof. Dr. Sarah R. Davies (Universität Wien)

Grenzen sind ein zentrales Forschungsthema in den Sozialwissenschaften (Abbott, 1995; Lamont & Molnar, 2002), insbesondere in den Science and Technology Studies (STS), der Wissenssoziologie und der Organisationsforschung. Zentrale »Grenzkonzepte« haben diese Analysen geprägt: Grenzziehungsarbeit (boundary-work) zur Abgrenzung von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft (Gieryn, 1983, 1999; Pereira, 2018), Grenzobjekte (boundary objects) zur Ermöglichung der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Gemeinschaften (Star & Griesemer, 1989; Star, 2010), „Grenz-Akte“ (boundary-drawing) als performative Entflechtung von Subjekten und Objekten in der technowissenschaftlichen Praxis (Suchman, 2006; Barad, 2007) oder „Handelszonen“ (trading zones), in denen Wissenschaftler:innen aus unterschiedlicher Disziplinen und Kulturen Wissen austauschen (Galison, 1997). Die zunehmende Verbreitung datenbasierter Methoden, Dateninfrastrukturen und Datenanalyse sowie Künstliche Intelligenz in Wissenschaft, Wirtschaft, Bildung und öffentlicher Verwaltung betrifft ebenfalls Grenzen zwischen verschiedene Wissensformen und -praktiken, Organisationen und Akteure sowie die Gesellschaft. Datafizierung löst auf, erhält und schafft neue materielle und diskursive Grenzen.

Im Rahmen des Workshops zu „Boundaries and boundary concepts as/in datafication" (19.-20. Februar, Amsterdam), organisiert von Dr. Yana Boeva (SoWi V), Louis Ravn (University of Amsterdam) und Prof. Dr. Sarah R. Davies (Universität Wien), diskutierten Teilnehmende aus STS, Soziologie, Kulturanthropologie und Human-Computer Interaction, wie verschiedene »Grenzkonzepten« als analytische Rahmen für Datafizierung fungieren und inwieweit sie neu definiert werden müssen. Die dreizehn wissenschaftlichen Vorträge umfassten eine Vielzahl an Themen:

  • die kommunale oder staatliche Einführung von digitalen Planungs- und Verwaltungswerkzeugen, u.a. zur Unfallermittlung im Fahrradverkehr (Catharina Dietrich mit Martina Klausner, Goethe-Universität Frankfurt), in der Stadtplanung und Stadtentwicklung (Pouya Sepehr, Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL; Juliette Davret, Maynooth University), zur Bestimmung und Vergabe von sozialen Hilfeleistungen in Kolumbien (Julia Malik, AAU Klagenfurt);
  • die Entwicklung nationaler und internationaler digitaler Infrastrukturen und Standards wie die Digital Public Infrastructures in Indien (Sandeep Mertia, Stevens Institute of Technology), Plattformen zur Identitätsermittlung von Geflüchteten (Kelly Bescherer, Leuphana Universität Lüneburg) oder das Common Vulnerability Scoring System zur Bewertung möglicher Sicherheitslücken in Computersystemen (Ben Skelding, Universität Wien);
  • die sichtbaren und unsichtbaren Akteure, ihre (Wissen-)Arbeit und Interessen bei der Produktion von synthetischen Daten für die Medizin (Sam Bennett, Durham University mit Benedetta Catanzariti, University of Edinburgh) und in der agrarwissenschaftlichen Forschung in Ghana (Joyce Koranteng-Acquah, Technische Universität München);
  • die multiple Grenzziehungsarbeit in der wissenschaftlichen und angewandten Forschung und Entwicklung im KI-Bereich (Oksana Dorofeeva, Aarhus University) und im datenbasierten Börsenhandel in Kopenhagen und Istanbul ( Fatih Karakaya, Istanbul University);
  • die Rekonstruktion prototypischer Artefakte und Technologien der IT-Entwicklung wie Smartphones-Apps, Hackathons (Yang Liu, University of Toronto) und der GitHub-Plattform (Kristian Bondo Hansen, Copenhagen Business School, mit Katie MacKinnon und Nanna Bonde Thylstrup, University of Copenhagen) als Grenzobjekte und Grenzinfrastrukturen zwischen Entwickler:innen und potenziellen Nutzer:innen von Technologien oder der Informatik und den häufig als Anwendungsdomänen bezeichneten Fachbereichen und Professionen.

Neben den Vorträgen diskutierten die Vortragenden und die Organisator:innen in Kleingruppen und im Plenum mit dem Ziel, eine systematische und in den STS verankerte Erforschung von Grenzen und Grenzkonzepten im Kontext der Datafizierung voranzutreiben. Der Workshop diente darüber hinaus der Entwicklung von Manuskripten für die Einreichung eines Special Issues.

Wir danken Prof. Dr. Tobias Blanke (Universität Amsterdam) und dem ERC-Projekt „Deep Culture“ für ihre finanzielle und organisatorische Unterstützung. 

Gruppenfoto

Abbott, A. (1995). Things of Boundaries. Social Research, 62(4): 857-882.

Barad, K. (2007). Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning. Durham, NC: Duke University Press.

Galison, P. (1997). Image and Logic: A Material Culture of Microphysics. Chicago, IL: The University of Chicago Press.

Gieryn, T. F. (1983). Boundary-Work and the Demarcation of Science from Non-science: Strains and Interests in Professional Ideologies of Scientists. American Sociological Review, 48(6): 781-795. Gieryn, T. F. (1999). Cultural Boundaries of Science: Credibility on the Line. Chicago, IL: The University of Chicago Press.

Lamont, M. & Molnár, V. (2002). The study of boundaries in the social sciences. Annual Review of Sociology, 28(1): 167-195.

Pereira, M. do M. (2018). Boundary-work that Does Not Work: Social Inequalities and the Non-performativity of Scientific Boundary-Work. Science, Technology, & Human Values, 44(2): 338-365.

Star, S. L. (2010). This is Not a Boundary Object: Reflections on the Origin of a Concept. Science, Technology, & Human Values, 35(5): 601-617.

Star, S. L. & Griesemer, J. R. (1989). Institutional Ecology, “Translations” and Boundary Objects: Amateurs and Professionals in Berkeley’s Museum of Vertebrate Zoology, 1907-1939. Social Studies of Science, 19(3): 387-420. Suchman, L. (2006). Human-Machine Reconfigurations. Cambridge, UK: Cambridge University Press.

Kontakt:

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Yana Boeva

Dr.

Nachwuchsgruppenleiterin

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